Karneval-Special: Tipps am laufenden Band (Teil 1)

Die Karnevalszeit steht für Fröhlichkeit, ausgelassen feiern die Menschen eine nicht ganz so ernst genommene 5. Jahreszeit. In den einen Städten mehr, in den anderen Städten weniger. Was aber alle Umzüge gemeinsam haben, sind die Sanitätsdienste. Diese jährlich stattfindenden Sanitätsdienste haben etwas besonderes:

Sie finden auf einem nicht abgeschlossenen Gelände statt. Die Besucherzahl ist unbekannt. Es treffen alle Bevölkerungsschichten aufeinander, von Kindern über Jugendliche bis zu Eltern und Großeltern. Während die kleinsten unserer Mitmenschen über das Bonbonsammeln freuen, sind andere von dem Flair dieser Veranstaltung mitgerissen. Wiederum andere sind dabei, weil es gesellschaftlich anerkannt ist, bereits morgens öffentlich Alkohol zu trinken und laut zu feiern.

Welche Gründe für die Besucher auch ausschlaggebend sind, wir als Sanitätsdienst sind hier besonders gefordert. Je nach Besucherzahl müssen dafür eigens Infrastrukturen geschaffen werden.

Karneval liegt naturgemäß Anfang des Jahres, sodass die Temperaturen im besten Fall schon frühlingshaft sind, in den meisten Fällen wird es aber noch relativ kühl sein. Zwar werdet ihr die meiste Zeit in Bewegung sein und gar nicht bemerken, dass euch die Kälte zu schaffen macht, trotzdem solltet ihr entsprechende Vorkehrungen treffen. Euer wichtigster Schutz ist natürlich die persönliche Schutzausrüstung. Bedenkt aber, dass die Jacken auch nur begrenzt vor Kälte schützen können, daher entscheidet euch eher für eine Lage Kleidung mehr als zu wenig. Unter der Einsatzjacke lässt sich problemlos noch eine Fleecejacke oder zumindest ein Sweat-Shirt tragen.

Es kann aber auch vorkommen, dass ihr beschließt im Rahmen der Behandlung den Patienten aufzuwärmen. Dieses sollte jedoch nur behutsam erfolgen. Dieser sollte nicht sofort etwas ganz heißes zu Trinken erhalten, sondern zunächst durch eine Decke oder Ähnliches von außen gewärmt werden und dann angewärmte – möglichst zuckerhaltige – Getränke erhalten.

Kommen wir zu unseren Patienten. Die Deutsche Schlaganfallhilfe (www.schlaganfall-hilfe.de) warnt, dass die Karnevalszeit dazu führt, Symptome zu übersehen. Daher ist hier besondere Aufmerksamkeit erforderlich: Neurologische Ausfälle dürfen nicht direkt auf den Alkoholpegel geschoben werden. Vielmehr muss alles andere ausgeschlossen werden. Der FAST-Test ist auch bei alkoholisierten Patienten möglich. Dieser zeigt eine ungleiche Gehirnaktivität an, woraus sich rechts und links unterschiedliche Auswirkungen ergeben. Alkohol wirkt aber auf beiden Seiten gleich.

Ein Druckgefühl in der Brust kann einfaches Sodbrennen sein, aber auch Anzeichen für einen Herzinfarkt. Alkoholkonsum senkt das Schmerzempfinden ab, allerdings auch bei Patienten, die keinen Alkohol konsumiert haben, kann sich ein akutes Koronarsyndrom als stummer Infarkt äußern.

Wie gehen wir also strukturiert bei einem Patienten vor?

Zunächst ist das ABCDE-Schema abzuarbeiten. Gerade bei Alkoholkonsum darf die Messung der Vitalwerte nicht fehlen: Der BZ ist ein muss, denn eine Unterzuckerung äußert sich ähnlich einem Rausch. Der Blutdruck gibt Auskunft über die Kreislaufstabilität, die Pulsoximetrie über die Atmung. Die SAMPLE-Anamnese sollte nicht nur nebenbei abgearbeitet werden, sondern bewusst in die Diagnostik mit einfließen. Die Freunde wissen meist gut über den Konsum von Alkohol und Drogen Bescheid, auch, ob dies schon einmal vorgekommen ist. Besonders enge oder besonders geweitete Pupillen können Anzeichen eines Drogenkonsums sein. Eine Bewusstlosigkeit ist auch unter Alkoholkonsum ein wichtiges Warnsignal. Anzeichen einer Gehirnerschütterung sind ernst zu nehmen. Der Patient ist hierbei in eine Klinik zu verbringen, um eine Hirnblutung auszuschließen und den Patienten mindestens 24 Stunden zu überwachen.

Eine Medikamenteneinnahme kann dazu führen, dass Alkohol anders oder stärker wirkt als ohne diese Medikamente. Auch eine längere Abstinenz führt wieder zu einer Sensibilisierung.

Wann benötigen wir einen Notarzt? Diese Frage kann ich damit beantworten: Wenn der Patient keine oder unzureichende Anzeichen für Schutzreflexe zeigt. Sollte Ansprechen oder schütteln keine Reaktion hervorgerufen haben, ist ein Schmerzreiz zu setzen. Diesen kann man entweder durch sanften Druck mit dem Daumen in der Vertiefung oberhalb des Schlüsselbeins erfolgen oder, indem man den Kugelschreiber am Gelenknahen Ende des Fingernagels ansetzt, Druck von oben auf den Kugelschreiber ausübt und diesen dann in Richtung Fingerspitze schiebt. Beide Methoden solltet ihr einmal bei euch bzw. mit einem Partner ausprobiert haben. Die Ohrfeige solltet ihr unterlassen, da diese relativ wenig Effekt hat und dafür aber den Zorn der Umstehenden auf euch ziehen wird.

Nicht nur in der Karnevalszeit ist bei unserer Arbeit eines besonders wichtig: die Dokumentation! Zu jedem (!) Patienten sollte ein Protokoll geschrieben werden. Beim Pflasterkleben reicht aus, zu vermerken, dass man bei einer oberflächlichen Wunde ein Pflaster geklebt hat. Die Protokolle sollten den Patienten noch nach Wochen zuzuordnen sein. Bei kleineren Hilfeleistungen reicht die Aufnahme von dem ungefähren Alter, Haarfarbe und Geschlecht aus. Bei größeren Hilfeleistungen, Komplikationen, sowie wenn der Patient die Behandlung oder den Transport verweigert, ist der vollständige Name, das Geburtsdatum sowie ein weiteres Merkmal wie z.B. Krankenkasse bzw. Versicherungsnummer zu vermerken, bei Transporten ist zur Abrechnung auch die Anschrift zu notieren. Nur so sind Protokolle anerkannt, sobald Rückfragen kommen. Nicht dokumentierte Maßnahmen gelten als nicht durchgeführt, also ist genau zu vermerken, was, wie, wo, durch wen gemacht wurde. Auch wenn Protokolle schreiben nicht zu unseren Lieblingsbeschäftigungen zählen, erfüllen diese doch den Zweck, für Nachfragen oder juristische Nachforschungen etwas mit Aussagekraft zu haben.

Alle Information, die ihr bei einer Transportverweigerung des Patienten zu beachtet habt, findet ihr hier. Wenn ihr diese Informationen beachtet, kann euch diesbezüglich nichts passieren.

Gerade im Karneval stellt der konsumierte Alkohol eine nicht zu unterschätzende Gefahr dar. Wie oben schon dargestellt wird dadurch nicht nur unsere Diagnostik erschwert, sondern der allgemeine Umgang mit dem Patienten stellt sich deutlich schwieriger dar.

Wenn möglich sollten Alkoholflaschen zunächst beiseite gestellt werden, sodass nicht mehr die Gefahr steht, dass diese durch die Gegend geworfen oder als Angriffsobjekt genutzt werden. Auch sollte gerade bei alkoholisierten Patienten nicht davon ausgegangen werden, dass diese euch gegenüber eher abweisend reagieren („Wat willst du denn hier? Lass mich in Ruhe!“). Daher sollte eher zurückhaltend, aber bestimmt gehandelt werden. Stimmt der Patient im ersten Augenblick dem Gang zum RTW zu, so kann sich dies innerhalb weniger Minuten in eine ablehnende Haltung umkehren. Hier sollte die Sanitäter darauf verweisen, dass der Patient nur dort untersucht werden könne und wenn nichts ist, könne der Patient weiter feiern und zu seinen Freunden zurückkehren.

Beachtet aber bitte immer folgenden Grundsatz: Euer Eigenschutz geht jederzeit vor! Sollte der Patient aggressiv reagieren – was bei einer Einwirkung von Alkohol kaum vorhersehbar sein wird – so solltet ihr auf Distanz gehen, den Patienten nicht aus den Augen verlieren und die Polizei zur Unterstützung anfordern.

Die Kommunikation mit einer alkoholisierten Person sollte möglichst klar, deutlich und bestimmt erfolgen. Ein lauter Tonfall wird schnell als aggressiv gedeutet und fördert eine entsprechende Reaktion hervor.

Morgen geht es dann mit Teil 2 weiter.

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