“Ich wollte doch nur helfen” – Zivilcourage und seine Grenzen

Wir möchten Euch in dieser Woche auf ein Urteil des Amtsgericht Ludwigsburg aufmerksam machen, welches unserer Meinung nach so in keiner Weise nachvollziehbar ist und sich die Frage stellt, welchen Grenzen Zivilcourage unterliegt?

Das Ergebnis sei vorweggenommen: Obwohl sowohl die Verteidigung als auch die Staatsanwaltschaft einen Freispruch für den Angeklagten beantragt hatten, hat das Gericht den Angeklagten zu 3,5 Monaten Haft verurteilt

Was war also geschehen?

Der Angeklagte sah von Weitem, dass eine andere Person von mehreren Angreifern massiv angegriffen wurde – sie traten und prügelten mit aller Härte auf das am Boden liegende Opfer ein. Auch ein lautstarkes Einwirken auf die Angreifer brachte diese dazu, vom Opfer abzulassen.

Daraufhin sah der Angeklagte keine andere Möglichkeit, als dazwischen zu gehen, dem am Boden liegenden Opfer zu helfen und die Angreifer durch Stöße und Schläge vom Opfer fernzuhalten. – Er besaß jedoch niemals die Absicht die Täter schädigen zu wollen. Primär habe er Angst um das Leben des Opfers gehabt. Diese Schilderung bestätigte später vor Gericht auch das Opfer selbst.

Aufgrund der Schläge des Helfers (= des Angeklagten) habe einer der Täter einen Kieferbruch erlitten und daraufhin Anzeige gegen den Helfer erstattet. Vor Gericht sagte der betroffene Jugendliche aus, dass der Angeklagte gezielt in die Richtung seines Gesichts geschlagen habe. Diese Aussage konnte jedoch aufgrund von Zeugenaussagen nicht nachgewiesen und belegt werden. Im Gegenteil: Es kristallisierte sich eher immer deutlicher heraus, dass der Angeklagte die Jugendlichen nur weggestoßen und keineswegs absichtlich verletzen wollte.

Trotz der aufgrund der nicht-bewiesenen Aussage geforderten Freisprüche durch die Staatsanwaltschaft und den Verteidiger des Angeklagte, urteilte die Richterin anders und sprach eine Haftstrafe über 3,5 Monate wegen gefährlicher Körperverletzung aus.

Begründet hat das Gericht die Entscheidung damit, dass der Angeklagte bei seiner Rettung „über das Ziel hinausgeschossen“ sei. Außerdem war der Mann bereits vor einigen Jahren wegen Körperverletzung verurteilt worden.

Zunächst hatte der Angeklagte Berufung gegen das Urteil eingelegt. Gleich am ersten Verhandlungstag nahm er dieses Rechtsmittel jedoch wieder zurück, denn die meisten Zeugen waren damals bei der Tat mindestens angetrunken, haben starke Erinnerungslücken und widersprechen sich gegenseitig. Auf der Grundlage dieser Zeugen könne der Beweis, dass der Angeklagte tatsächlich in Nothilfe handelt habe, nicht erbracht werden. Vielmehr befürchtete die Anwältin, dass ihr Mandant ggf. noch härter bestraft werden könnte.

Warum stellen wir euch nun dieses Urteil vor?

Das Urteil zeigt, dass es für jeden Helfer schwierig sein kann, einzuschätzen, ob die Maßnahme noch verhältnismäßig und maßvoll ist, oder schon über das notwendige Maß hinausgeht. Wichtig ist aber, dass primär der Selbstschutz im Vordergrund steht – Ihr habt euch zunächst selbst vor eigenen Schäden zu schützen. Daher sollte in solchen Gewaltsituationen bedacht und überlegt vorgegangen werden und nicht überstürzt gehandelt werden – dies hilft zunächst niemandem weiter, auch wenn das Opfer zunächst weiteren Angriffen ausgesetzt sein sollte. Die Polizei sollte so schnell wie möglich hinzugezogen werden und ggf. Öffentlichkeit hergestellt werden, damit vielleicht auch weitere Helfer und Zeugen zur Verfügung stehen. Weiterhin sollte darauf geachtet werden einen “Fluchtweg” freizuhalten, also darauf zu achten, dass das Rettungspersonal jederzeit die Möglichkeit hat – insb. bei einer Eskalation der Situation oder eine unübersichtlichen Situation – sich zurückzuziehen und selbst zu schützen. Auch auf das Arbeitsmaterial sollte geachtet werden, damit keine spitzen Gegenstände zweckentfremdet werden können.

http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.prozess-nach-heftiger-schlaegerei-in-ludwigsburg-umstrittenes-nothilfe-urteil-ist-rechtskraeftig.19854510-7bed-4e16-b88d-1f51983e6632.html

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