Gefahren an der Einsatzstelle

In meinen Gesprächen mit jungen, frisch ausgebildeten Helfern musste ich immer wieder eines feststellen: Es wird in der Ausbildung Wert darauf gelegt, dass die Verbände sitzen, die CPR (Cardiopulmonale Reanimation) als Variante „drücken und pusten“ funktioniert, und dass dann noch Dinge angereicht werden können. Doch es gibt Themen, die werden vernachlässigt, sei es aus Zeitmangel, aus Mangel an Interesse oder um zu verhindern, dass die jungen Nachwuchskräfte in Überaktionismus verfallen. Denn diese sind ja am Anfang in der Regel nicht alleine und können sich auf die Anleitung von erfahreneren Kollegen verlassen. Doch was ist, wenn dieser gerade selber zu tun hat oder nicht in der Nähe ist oder ebenfalls neu dabei ist?

Ich möchte hier einmal die einsatztaktischen Grundlagen von unklaren Lagen ansprechen, die auch auf Sanitätsdiensten oder First Responder-Einsätzen vorkommen können und mir auch zum Großteil begegnet sind.

Beginnen wir mit der Einsatzmeldung. Normalerweise beginnt jeder Einsatz mit einer Einsatzmeldung. Hier kann man zwischen Sanitätsdienst und Rettungsdienst Parallelen sehen. „Da hinten liegt einer“ ist ähnlich der Meldung: „Alarm für den RTW XY, HiLoPe“. HiLoPe ist die Abkürzung für Hilflose Person. Was das genau bedeutet, ist nicht festgelegt, es kann Alkohol sein, Drogen, etwas neurologisches, ein schlafender Obdachloser oder eben auch ein Traumapatient. Nähern wir uns also dem Patienten, ist die Einsatzmeldung mit der Situation zu vergleichen. Finden wir wirklich nur einen Patienten oder haben wir mehrere Patienten zu versorgen. Wo mehrere Patienten sind, gibt es auch immer einen gemeinsamen Nenner, sei es ein verdorbenes Essen, eine Infektionskrankheit, einen Unfall oder eine Schlägerei. Also müssen wir dringend auf Eigenschutz achten. Dazu zählt in erster Linie unsere vollständige Schutzausrüstung. Diese besteht aus der Einsatzhose, der geschlossenen Einsatzjacke, den Handschuhen, dem Helm und den Sicherheitsschuhen. Desweiteren sind Gefahren an der Einsatzstelle zu beachten:

Bevor wir uns den Patienten nähern, sehen wir uns die Umgebung aus einiger Entfernung an. Sehen wir Hinweise auf Gefahrgut (Gefahrguttafeln, Gefahrenzettel)? Falls ja, nähern wir uns diesem NICHT. Durch Rufen können wir die im Gefahrenbereich befindlichen Personen auffordern, sich aus diesem zu entfernen. Doch für die Personenrettung in diesem Bereich ist die Feuerwehr zuständig. Unsere PSA (Persönliche Schutzausrüstung) ist dafür nicht geeignet. Wir sichern die Einsatzstelle weiträumig ab und halten uns nicht in Windrichtung von der Einsatzstelle auf (Achtung: Die Windrichtung kann sich ändern!)

Allgemein ist die Leitstelle oder Einsatzleitung recht frühzeitig zu Informieren. Die sogenannte „Lage auf Sicht“ gibt an, was man beim Eintreffen an der Einsatzstelle sieht, sofern es von der Einsatzmeldung abweicht. Auch eine genauere Ortsbeschreibung kann für nachrückende Kräfte sinnvoll sein, sofern die Einsatzstelle unübersichtlich oder ungenau angegeben war.

Befinden wir uns bei einem Unfall auf der Straße, wo Autos an uns vorbeifahren, womöglich noch genau an einer unübersichtlichen Stelle. Dann ist diese erst abzusichern und die Polizei zu informieren, um Folgeunfälle zu verhindern.  Die Warndreiecke der beteiligten Fahrzeuge sind aufzustellen, die Warnblinkanlagen sind einzuschalten und alle umherlaufenden sind dazu aufzufordern, ihre Warnwesten zu tragen und sich möglichst abseits der Straße, am besten hinter einer Leitplanke, aufzuhalten. Wo stellt man Warndreiecke auf? In der Fahrschule haben wir gelernt: In der Stadt 50m, außerhalb 150m, auf Autobahnen 250m. Oft sieht man die Warndreiecke direkt hinter den Pannenfahrzeugen stehen. Warum sollte man auch 250 Meter gehen? Der Grund liegt bei den Geschwindigkeiten der Fahrzeuge. Der Fahrer muss auf Hindernisse noch reagieren können. 250m klingen vielleicht auf der Autobahn übertrieben, aber bei 150 km/h beträgt der rechnerische Anhalteweg bei der Gefahrenbremsung 157 Meter. Rechnen wir hier noch Abgelenktheit dabei, kommen wir schnell auf diese 250 Meter.

Wo stellen wir unser Warndreieck auf? Ich mache es so, wenn ich mehrere zur Verfügung habe, dass ich das erste bei den empfohlenen Entfernungen aufstelle. Bei mehreren Fahrspuren stelle ich ca. 50 Meter vor dem Unfallort noch eines mittig auf der Fahrbahn auf und blockiere somit die Fahrspur, auf der der Unfallwagen steht. Sollte nur eine Fahrspur vorhanden sein, stelle ich das zweite direkt am Beginn vom Trümmerfeld auf, so fahren mir die anderen Fahrzeuge nicht auch noch da durch. Sind LKW vor Ort, bitten wir den Fahrer um die Herausgabe seiner Warnleuchten. Jedes Fahrzeug über 3,5t hat eine Warnleuchte verpflichtend mitzunehmen.

Erst nach der Absicherung nähern wir uns den Patienten. Hier ist es wichtig, bevor man den Koffer oder Rucksack öffnet, diese einmal schnell einzuschätzen (nach ABCDE), ggf. lebensrettende Sofortmaßnahmen wir Blutungsstillung durchzuführen und die Behandlungsdringlichkeiten festzulegen. Oft wird sich auf den ersten Patienten, den man findet, gestürzt und dieser vollversorgt, während andere Patienten mit dringenderer Behandlung warten. Die Anzahl und Schwere der Verletzung/Erkrankung ist in einer kurzen Lagemeldung an die Leitstelle oder die Einsatzleitung weiterzugeben, ohne zusehr ins Detail zu verfallen. Passanten und Schaulustige können bei der Erstversorgung eingebunden werden. Diese können die Patienten betreuen, sowie einfache Verbände anlegen. Nach der Behandlung der Patienten sollten die eingespannten Helfer einmal nach dem Befinden befragt werden. Als Beispiel: Ich hatte eine Ersthelferin bei einem Verkehrsunfall mit 3 Verletzten, die gut mitgeholfen hat, allerdings nachdem alle Patienten durch Rettungskräfte versorgt wurden, brauchte sie selber Betreuung. Sie zitterte, wurde unruhig und bat mich einfach, ihre Hand zu halten. Am Ende des Einsatzes war sie die 4. „Patientin“, die mit einem RTW ins Krankenhaus gefahren ist, um dort einmal in Ruhe herunterkommen zu können.

Bei jeder Gefahr ist zu bedenken, welche Auswirkungen diese auf Mensch, Material, Umwelt und Tierwelt haben kann. Hierzu gibt es eine Gefahrenmatrix, die man zur Grundlage verwenden kann und die auch in der Feuerwehrausbildung gelehrt wird. Die sog. 4A-1C-4E-Matrix stellt in allgemeiner Form die Gefahren dar: Atemgifte, Angstreaktionen, Ausbreitung, Atomare Gefahren, Chemische Gefahren, Erkrankung/Verletzung, Explosion, Elektrizität sowie Einsturz. Diese sind bei allen Einsatzstellen abzuarbeiten. Diese Gefahren könnt ihr nächste Woche hier bei uns nachzulesen.

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.