Erster beim VU

Auf der Rückfahrt vom Sanitätsdienst werden wir Zeuge eines Verkehrsunfalls. Beim Linksabbiegen hat ein Autofahrer einen entgegenkommenden PKW übersehen und dieser ist ihm in die rechte Fahrzeugseite gefahren. Auch wir sind nur Menschen, deswegen brauchen wir ein paar Sekunden, um uns zu ordnen. Nach dem Schock machen wir uns ans Werk. Doch was wäre jetzt eine sinnvolle Vorgehensweise?

Zunächst einmal, ist es hilfreich, dass die Rettungsleitstelle Bescheid weiß. Falls jemand anruft, wissen diese schon einmal, dass bereits Retter vor Ort sind, die eine professionelle Ersteinschätzung der Situation vornehmen können. Damit sind wir gemeint. Wir geben also die so genannte Lage auf Sicht per Funk an die Leitstelle durch. Das bedeutet, wir geben einmal kurz das geschehen und den Ort durch, sowie alles, was wir von unseren Sitzen beobachten können: Ist ein Bus, ein Gefahrguttransporter mit im Spiel? Sind die Beteiligten bereits ausgestiegen? Sehen wir irgendwo eine Rauchentwicklung? Dabei ist zwischen Rauch und Dampf zu unterscheiden. Dampf ist eine vor allem weißlich verdampfende Flüssigkeit, wie Bremsflüssigkeit oder Kühlwasser. Dieser Effekt wird bei fast jedem Verkehrsunfall auftreten, wo ein Fahrzeug frontal einen Gegenstand erwischt hat und sich die Motorhaube verformt. Die Kühlflüssigkeit gelangt aus dem zerstörten Kühler auf den heißen Motorblock und ergibt einen weißlichen Dampf. Rauch dagegen ist dunkel gefärbt, dieser entsteht durch Rußpartikel, die in einem Feuer entstehen. Der verbrennende Kohlenstoff wird mit der heißen Luft nach oben gezogen.

Diese Lage auf Sicht kann einer der beiden Sanitäter durchgeben, der andere sichert die Unfallstelle ab. Dies ist besonders wichtig, um Folgeunfälle zu vermeiden. Beim Aussteigen sind, auch im Hochsommer, alle mitgenommenen Bestandteile der PSA anzulegen: Jacke, Sicherheitsschuhe, Helm, Handschuhe, etc. Die umherlaufenden Unfallbeteiligten und Zeugen muss man meistens auffordern, die Warnwesten anzuziehen, denn diese werden gerne vergessen. Die Warndreiecke, die man zur Verfügung hat, werden so aufgestellt, dass mindestens 50 bis 100 Meter vor der Blockierten Fahrspur eines am Rand steht sowie möglichst vor der Trümmerspur mitten auf die Fahrbahn, dass keiner über Trümmer fährt. Man darf sich das Gebiet auch nicht zu klein absichern, da ja meistens noch ein Rüstwagen sowie eine bis zwei Streifenwagen anrücken. Das Blaulicht und die Warnblinkanlagen sind bei allen Fahrzeugen einzuschalten. Den RTW, KTW oder MTW parkt man so neben der Unfallstelle, dass man möglichst gut zu erkennen ist, zumindest, dass es dort ein Hindernis gibt. Eine Fahrspur sollte allerdings, wenn möglich, frei bleiben, um den Stau nicht allzu lang werden zu lassen. LKW haben immer 2 Warndreiecke sowie 2 Warnleuchten an Bord, diese kann man großzügig einsetzen. Die Beteiligten sollten sich soweit es geht hinter einer Schutzleitplanke aufhalten. Vorher ist allerdings unbedingt die andere Seite der Leitplanke zu prüfen! Sollte ein Feuerlöscher zur Verfügung stehen, kann man diesen (sofern es nicht in Strömen regnet) schon einmal in die Nähe der Motorhauben legen, damit man schnell einen zur Hand hat, falls ein Brand ausbricht. Wichtig: Keine Verkehrslenkung ausüben! Diese ist nicht rechtlich bindend, wenn wir sie durchführen und bei einem Unfall kann es ein kompliziertes versicherungstechnisches Problem ergeben. Außerdem ist in dieser sogenannten Chaosphase am Anfang (bis zum Eintreffen von genug Einsatzkräften für alle Patienten) nicht die Zeit dafür.

Erst nach der Absicherung werden die Beteiligten untersucht und einkategorisiert. Zunächst gilt es, zu zählen, wie viele Leicht- und Schwerverletzte man dort hat. Zu den Leichtverletzten zählt man alle Beteiligten, die bereits Ausgestiegen sind. Schwerverletzt sind diejenigen, die nicht ausgestiegen sind und die Bewusstlos sind. Diese Zahl wird der Leitstelle mitgeteilt. Bis dahin lässt man am besten die Sanitätstasche im Auto. Danach kann man sich an die Erstversorgung machen. Gefährliche Blutungen werden gestillt, schwerverletzte gelagert und immobilisiert. Man kann für einfache Aufgaben auch Zeugen einbinden. Die Beteiligten und geschockten Zeugen sind meistens sogar froh, wenn sie geführt werden, und etwas zu tun bekommen.

Als Ersteintreffende hat man hauptsächlich organisatorische Aufgaben. Ein Sanitäter sollte sich darum kümmern, über welchen Weg die nachrückenden Kräfte anfahren, sowie den Platz zu schaffen, dass diese parken können. Die Patienten müssen auf die RTW und KTW aufgeteilt werden. Als ersteintreffendes Fahrzeug transportiert man in der Regel nicht.

Der andere Kollege sollte sich auf einem Blatt Papier Notizen machen, wer beteiligt war, wer welche Verletzung erlitten hat und eine kurze Skizze dazu anfertigen. Sollte es nachher zu einem Ermittlungsverfahren kommen (und das ist der Regelfall), kann es vorkommen, dass man als Sanitäter geladen wird. In wieweit die Auskunft dabei gegen die Schweigepflicht verstößt, ist eine andere Sache und würde den Rahmen dieses Artikels sprengen.

Sollte es keinen Verletzten geben, bleibt an dieser Stelle nur das Warten auf die Polizei. Bis zu deren Eintreffen bleiben wir da, um die Unfallstelle abzusichern und ggf. später (durch Beruhigung) auftretende Beschwerden zu begutachten. Gerade bei Unverletzten empfiehlt es sich, alle einmal einzeln zu fragen, ob sie angeschnallt waren. Wenn man Arbeitshandschuhe dabei hat, kann man die Motorhauben öffnen, um entstehende Gefahren besser erkennen zu können. Ein Blick unters Auto verrät, ob Betriebsmittel austreten, die gebunden werden müssen.

Bei leichten Schäden und fahrbereiten Autos ist die Unfallstelle schnellstmöglich zu räumen. Man kann hier schnell Fotos mit dem Smartphone machen (Achtung: Diese dürfen nicht an unbeteiligte weitergegeben werden. Möglichst sollen die Unfallbeteiligten selber Fotos machen). Sofern eine Straßenmarkierung möglich ist, kann man die Ecken der Fahrzeuge auf dem Boden markieren. Danach kann man getrost gemeinsam auf einen nahen Parkplatz, Parkstreifen, eine Bushaltestelle oder Einfahrt fahren, um dort alles weitere zu klären.

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