Ersteinschätzung von Notfallpatienten

Sind wir als Sanitäter an einem Einsatzort, beginnt die Suche nach der Erkrankung oder Verletzung. Viele Sanitäter, gerade Dienstjüngere, versteifen sich dabei auf ein Symptom, und versuchen die anderen Symptome auf die Verdachtsdiagnose zurückzuführen, die man schnell hat. Doch wie geht man professionell-distanziert an die Fälle heran?

Beginnen wir zunächst damit, die Einsatzstelle zu beurteilen. Dies kann zum Teil schon aus dem Fahrzeug heraus geschehen bzw. auf den letzten Metern zum Patienten. Wir bedienen uns hierfür dem 4S-Schema:

S wie Scene: Wir beurteilen, ob die Einsatzstelle dem entspricht, was uns gemeldet wurde bzw. wir erwarten. Auch die Anzahl der Patienten sollte zunächst überprüft werden.

S wie Safety: Die Gefahren, die an jeder Einsatzstelle vorhanden sind, muss man sich an dieser Stelle einmal  ins Gedächtnis rufen. In jedem Treppenhaus kann etwas von oben herab fallen, in jeder Wohnung kann man über ein Kabel oder anderen Krams stolpern, auf jedem Volksfest sind angetrunkene Menschen, deren Reaktion auf Alkohol nur schwer einzuschätzen ist.

S wie Situation: Wie sind die Verletzungen entstanden, welche Kinematiken haben hier gewirkt? Bei Traumata zählt hierzu auch, sich einmal kurz z.B. das Fahrzeug anzuschauen, welches den Radfahrer erwischt hat. Auch wenn der Radfahrer keine Beschwerden äußert, sollte ein kreisrunder Einschlag in der Windschutzscheibe den Hinweis geben, dass der Kopf etwas abbekommen haben kann.

S wie Support: Nach diesen Beurteilungen sollte man sich schnell entscheiden: Brauche ich weitere Einsatzkräfte? Haben wir genug Rettungsmittel, muss die Feuerwehr oder die Polizei Gefahren beseitigen, brauchen wir vielleicht doch einen Notarzt?

Nach diesem Schema wenden wir uns dem ABCDE zu:

A wie Airway: Sind die oberen Luftwege frei, oder sind sie verlegt?  Klassisch wird hier in Kursen das Frühstücksbrötchen angeführt, das noch jemand im Hals hat, bei Kindern gerne der Legostein. Am einfachsten beurteilt man dies, ob der Patient ohne Stridor (Pfeiffgeräusche beim Atmen) spricht. Ist dies der Fall, ist das A abgeschlossen. Ansonsten begibt man sich hier auf Fehlersuche und behebt diese mit einfachen Mitteln wie Esmarch-Handgriff, Absaugen von Flüssigkeiten oder Einlegen eines Guedl-Tubus.

B wie Breathing: Ist die Lunge belüftet, oder gibt es etwas, was dies verhindert? Hierzu sollte man die Atemfrequenz beurteilen. Ist die Atmung normofrequent, ohne Stridor und ohne Zyanose, ist hier die B-Beurteilung zuende. Die Sättigung gibt einen Bedarf an Ziel sollte immer eine Sättigung über 94% sein. Leider ist für Sanitätsfachpersonal hier nicht viel mehr machbar.

C wie Circulation: Wie sieht es mit dem Kreislauf aus? Ist der Puls am Handgelenk zu tasten, ist er regelmäßig? Ist die Hautfarbe des Patienten blass oder rosig? Sollte hier ein Problem festgestellt werden, ist mit einfachen Mitteln zu versuchen, den Kreislauf zu verbessern. Dies kann z.B. die Lagerung des Patienten sein. Blutungen sind zu stillen, sofern sie bedrohlich sind. Sollte durch die einfachen Mittel keine Verbesserung zu erreichen sein, kann hier, sofern die rechtlichen Grundlagen erfüllt sind, ein i.V.-Zugang gelegt werden.

D wie Disabilities: Wie reagiert der Patient auf mich? Kann mich der Patient verstehen (vorausgesetzt, er versteht meine Sprache), kann der Patient antworten? Ergeben die Antworten einen Sinn? Weiß der Patient, wo er ist, welcher Wochentag ist, welche Tageszeit in etwa ist? Gibt es motorische Störungen? Wenn es einen Hinweis gibt auf eine (neuaufgetretene oder verschlimmerte) neurologische Störung, ist ein Notarzt hinzuzuziehen. Zeitgleich sollte der Transport in eine Fachklinik schon einmal organisiert werden.

E wie Exposure: Hier herunter Fallen alle erweiterten Untersuchungen, die auf „geringfügige“ Störungen hinweisen. Aber auch die Körpertemperatur ist hierbei zu messen.

Grundsätzlich ist bei jedem „echten“ Notfallpatienten (also nicht beim Pflasterkleben) das sogenannte SAMPLER-Schema zu erfragen.

S wie Symptome: Man sammelt die Symptome, die der Patient beschreibt.

A wie Allergien: Welche Allergien hat der Patient? Dies wird evtl. im Krankenhaus benötigt, falls Medikamente gegeben werden sollten. Aber auch die Ursache der Erkrankung kann in einer Allergie liegen.

M wie Medikamente: Welche Medikamente nimmt der Patient ein? Ich habe es leider auch schon des öfteren vom Patient gesagt bekommen, der Patient hat keine Vorerkrankungen. Dennoch nahmen die Patienten viele Medikamente. Hat der Patient denn auch die heutigen Medikamente eingenommen? Sind in den letzten Tagen neue Medikamente hinzugekommen?

P wie Patientenvorgeschichte: Hier werden alle relevanten Vorerkrankungen gesammelt. Manches Mal erklären sich Abnormalitäten durch Vorerkrankungen, oder die aktuelle Erkrankung lässt sich auf eine vorherige zurückführen. Auch ein in den letzten Tagen vorgekommener Infekt sollte extra abgefragt werden.

L wie Letzte… : Was kann man alles hierunter abfragen? Die letzte Mahlzeit sollte man mit abfragen, genauso wie der letzte Stuhlgang, bei Frauen die letzte Regel. Zusätzlich sollte man bei Frauen auch fragen, ob die Möglichkeit einer Schwangerschaft besteht.

E wie Ereignis: Gab es ein auslösendes Ereignis? Sind die Rückenschmerzen beim Heben der Bierkiste aufgetreten, oder in der Ruhe ohne Anstrengung?

R wie Risikofaktoren: Zuletzt fragt man nach dem Zigaretten- und Alkoholkonsum. Man beurteilt den Ernährungszustand des Patienten.

Die vorgestellten Schemata sind ein gutes Grundgerüst, um die man seine Ersteinschätzung des Patienten aufbauen kann. Je nach Situation, ist mehr Wert auf das eine oder andere zu legen. Es erfordert ein wenig Übung, um die passende Routine in sein Handeln zu bekommen, daher kann man dies gut in Fallbeispielen üben, denn hier dürfen Fehler noch passieren. Mit der Zeit bekommt man ein gutes Händchen dafür.

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.