Einsatz in der Freizeit

Ein später Samstagabend in einer norddeutschen Großstadt kann durchaus mal anders laufen, als es geplant war. Wir waren zu dritt im hinteren Teil des Busses und mussten eine ganze Weile fahren. Natürlich füllt sich der Bus immer mehr und verschiedene Gruppen und Altersstufen steigen ein und wenige aus.

Als wir an einem Klinikum entlang gefahren sind, kommt man natürlich auf den Themenkomplex Rettungsdienst, Sandienst und so weiter. U.a. wie denn dies Krankenhaus heißen möge, wurde diskutiert. Man konnte sagen wir waren richtig in der Materie. Der Bus hielt an der nächsten Haltestelle circa ein Kilometer nach dem Klinikgelände. Die Türen öffneten sich so wie immer, aber danach war das Gespräch wieder interessanter. Im mittleren Teil des Busses an der zweiten Tür standen Jugendliche, die sich laut und genervt über etwas unterhalten haben. Da wurde ich von C. aufmerksam gemacht, dass wir als Sanis ja da mal hinmüssten. Ich drehte mich um und sah nichts, was uns hätte betreffen können. Aber anscheinend war dort etwas vorgefallen, denn die Mitfahrer schauten nach draußen und die Türen schlossen nicht. Also sind wir mal schauen gegangen. Wir wollten weder den Helden spielen noch und irgendwie vor anderen Leuten profilieren müssen, aber es liegt ja nun mal in uns gerne zu helfen.
Durch die jugendlichen Gaffer / im-Weg-Steher durch, traten wir aus dem Bus und sahen eine ältere Dame fast zwischen dem Busreifen und der Haltestellenkante liegen. Ein Mann stand etwa 3m daneben und telefonierte mit dem Handy. Eine junge Frau kniete neben der Dame und redete mit ihr. Sagen wir besser sie wollte die Patientin beruhigen, die doch etwas aufgebracht war. A. und ich stellten uns als Sanis vor und fragten was passiert sei. Darauf erwiderte die Patientin sehr erbost, dass die Tür wieder zuging und ihre Sachen ja noch im Bus waren und dann sei sie eingeklemmt worden und gestürzt sei. In diesem Moment kam die Busfahrerin dazu und fragte ihrerseits was passiert ist. Dadurch entwickelte sich schon fast ein Streit zwischen der Patientin und ihr, wer jetzt Schuld hat und ob ein Bus automatisch absenkt oder nicht. Wir wussten immer noch nicht richtig, was mit der Patientin jetzt war und stoppten die Diskussion. Ihr rechtes Bein tat ihr weh, erklärte sie und konnte aber nicht eingrenzen wo. Da sie immer noch da lag und sich darüber ärgerte nahmen wir sie zu weit unter den Armen hoch und hielten sie praktisch stehend. Da sah man sofort, dass der rechte Fuß ungewöhnlich stark nach innen stand und schon fast im 90 Grad Winkel stand. Die Patientin belastete den Fuß auch nicht sondern vertraute darauf, dass ich sie auf der Seite festhielt. A. setzte die Anamnese so gut es ging fort, denn die Busfahrerin und die Patientin diskutierten schon wieder über die Absenkautomtatik und die schließende Tür. Wir konnten herausfinden, dass sie starke Schmerzen habe und sie sich Sorgen über ihre Tasche und Wertgegenstände mache. Wir entschieden, sie hinzusetzen oder besser halb liegend zu lagern. Dafür gab es die Möglichkeit des Buseinstieges, alternativ die ca. 3 m entfernte Haltestellenbank oder ihren großen stabil aussehenden Koffer zu benutzen. Für alle Möglichkeiten konnten wir sie aber nicht überzeugen. Sie betonte jede Bewegung würde stärker schmerzen als es jetzt schon schmerzen würde. Bevor die Busfahrerin wieder sich zu den Situationshergang äußern konnte, baten wir sie Meldung in der Leitstelle zu machen und einen RTW anzufordern. Während sie wegging, wurden im Bus Stimmen laut, warum sie nicht weiterfährt und die Dame sei ja jetzt draußen, man hätte ja Termine. Unglaublich, aber zum Glück wurden keine Bilder oder sonstiges für Social Media angefertigt.
Wir versuchten uns, ohne der Patientin alles zu erklären, zu beratschlagen, wie wir sie nun ordentlich lagern könnten. Laufen war keine Option mit der Verletzung. Auf der Stelle oder in den Buseingang setzen bzw. sie vorsichtig runterzulassen, funktionierte nicht, da sie sich an uns festklammerte, aber sich dabei nach vorne lehnte. Bedeutet, dass sie ihr Bein angestrengt hätte und sie dadurch sich vielleicht noch etwas schwerer verletzt hätte. Auch sie zur Bank zu tragen schied aus, da sie als wir ihr das vorgeschlagen hatten, meinte das würde ihr noch mehr weh tun. Würden wir sie selbst im Rautekgriff oben und jeweils ein Bein pro Mann tragen, wäre ihre Reaktion nicht vorhersehbar gewesen und wenn sie sich wehrt, hätte es bei ihr oder auch bei uns zu Verletzungen kommen könnten.
Die wartenden Fahrgäste konnten inzwischen über den nachfolgenden Bus aus der Situation entfernt werden und wir bedankten uns bei der jungen Frau, die vor uns sich um die Patientin gekümmert hatte.
Keine der überlegten Möglichkeiten überzeugte sie oder uns, sodass sie zufrieden war, weiter von uns gestützt mehr zu hängen als zu stehen. Dabei schimpfte sie sehr über den Bus, die Technik und über sich selbst, dass sie uns hier aufhalten würde und sich so anstellen würde. Da hatten wir es nicht leicht sie davon zu überzeugen, dass es ja unsere Aufgabe sei, sie zu „retten“ und sie dürfe weiter ihre nicht ganz jugendfreien Ausdrücke über die Schmerzen von sich lassen. Trotzdem würden wir sie weiter dort halten.  Die Busfahrerin musste nun unbedingt noch wissen wie die Patientin hieße und ihre Anschrift etc. aufnehmen. In unseren Augen vielleicht nicht der beste Zeitpunkt, aber da konnten wir sie nicht von abhalten.
Ein RTW ohne Sondersignal, aber mit Patienten, fuhr an uns vorbei und die Busfahrerin wollte ihn aufhalten, was wir gerade so geschafft haben zu verhindern. Schließlich mussten wir unsere Patientin weiter tragen / stützen, versuchen zu überzeugen, dass sitzen doch besser sei und den Streit zwischen Busfahrerin und Patientin zu stoppen. Medizinisch konnten wir nichts Wirkliches tun. Die Dame war fit, ein wenig aufgeregt, aber bekam gut Luft und war wie wir immer wieder zu hören bekamen zeitlich und örtlich orientiert. Sie müsse ja gar nicht mehr so weit nach Hause und sie sei ja eigentlich schon vor 10 min zu Hause usw.
Dann kam der für uns alarmierte RTW und A. konnte diensthabenden Sanis erklären wie die Lage war. Allerdings wurde die Patientin durch das Blaulicht und durch das Eintreffen der Sanis hysterisch bzw. fing auch an zu zittern. Sie lehnte sich weiter nach vorne und wollte nicht, dass der RTW sie mitnimmt, denn es müsse ja doch gehen mit dem Bein zu laufen. Dabei wurde es schwerer sie zu halten damit sie nicht doch einen Laufversuch, der gescheitert wäre oder sich anderweitig von uns loszulösen, gestartet hätte.
Die beiden Sanis brachten die Trage hinter sie in eine nicht wirklich passende Höhe, was ich anmerkte und dann noch mal korrigiert wurde. Wenn die Trage auf Bauchhöhe der Patientin ist, ist das definitiv zu hoch um sie dort vorsichtig drauf zu lagern. Nach ein paar Versuchen ließ sich die etwas ältere mechanische Trage doch noch tiefer bringen. Nun forderte es doch wieder sehr viel Überzeugungsarbeit, um die Patientin davon zu überzeugen, sich auf die Trage zu legen. Zu fünft konnten wir sie dann auf die Trage setzen, wo wir sie doch etwas deutlicher führen mussten, denn sie versuchte mit dem Oberkörper dagegen zu halten. Die Beine konnten wir dann leichter nachführen, denn sie merkte dann auch, dass es schmerzfreier war, wenn sie dort lag, anstatt zu stehen. Man sah die deutliche Verkürzung des rechten Beines im Gegensatz zum linken um gute 4 cm sehr gut.
Danach wurde sie relativ zügig mit ihrem Gepäck in den RTW verfrachtet. Sie bedankte sich sehr und entschuldigte sich nochmal für manchen Ausspruch bevor wir alles Gute wünschten und zum nächsten folgenden Bus verschwanden.

Dies ist ein persönlicher Erfahrungsbericht, der aus dem Gedächtnis geschrieben wurde und stellt keine offizielle Handlungsanweisung und Behandlung dar. Es geht hier lediglich um eine Erfahrung, die geschildert wird und hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Identifizierbare Fakten wurden unkenntlich gemacht.

1 Kommentar

  1. Ohjee.. man sollte sehr achtsam auf die Umgebung sein

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.