Die Sichtweise machts

Gehen wir mal von folgendem fiktiven Fall aus:

Ein Rettungswagen ist auf einer Landstraße mit 120 km/h mit Sondersignal auf dem Weg zu einem Notfalleinsatz. Auf einer Gerade fährt ein einzelner PKW der Mittelklasse, der langsamer wird, als sich der RTW nähert. In dem Moment, als der RTW zum Überholen ansetzt, biegt der PKW links ab und schneidet den Weg des RTW. Dabei kommt es zum Zusammenstoß, sodass beide Fahrzeuge einen Totalschaden erleiden.

Wer hat Schuld? Diese Fragt ist nicht so einfach zu beantworten. Glaubt man den vielen Kommentaren, die unter Artikeln über verunfallte Einsatzfahrzeuge verfasst sind, ist die Schuldfrage sofort eindeutig und die Strafe ist auch direkt klar: Dem PKW-Fahrer gehört lebenslänglich der Führerschein sowie das Auto entzogen. Immer diese Autofahrer, die zu laut Musik hören und absichtlich die Rettungswagen behindern. Zeit, diesen Fall einmal aus beiden Blickwinkeln zu betrachten.

Der Fahrer des RTW wird vermutlich zu Protokoll geben: „Ich bin mit 120 km/h von hinten angekommen. Der PKW-Fahrer ist langsamer geworden, da habe ich gedacht, er lässt mich vorbei. Deswegen hab ich auch auf das Horn verzichtet. Auf einmal ist der dann nach links abgebogen und ich konnte nicht mehr ausweichen.“

Der PKW-Fahrer wird vielleicht sagen: „Ich habe den Rettungswagen im Rückspiegel gesehen. Ich musste eh hier abbiegen, also bin ich hier abgebogen, dass ich nicht im Weg stehe. Ich dachte auch nicht, dass der so schnell ist, hier ist ja Geschwindigkeitsbegrenzung auf 50 km/h wegen Wildwechsel.“

Wer hat sich hier falsch verhalten?

Grundsätzlich war das Einsatzfahrzeug hier berechtigt, Sonderrechte anzuwenden. Diesen Notfall haben wir nicht näher bezeichnet, aber wir gehen davon aus, dass es sich nach Information des Fahrers um einen Notfall handelt, der die Nutzung von Sondersignalen rechtfertigt. Daher ist §35 Abs. 5a erfüllt.

Die Frage hierbei ist nun, hat der Fahrer des PKW sich richtig verhalten? Aus seiner Sicht hat er das getan, was er für richtig erachtet hat: Er hat Platz geschaffen. Ob das durch Anhalten an der Seite, abbiegen oder durch langsamer werden erfolgt, ist dem Fahrer selbst überlassen. Er mag sich verschätzt haben in der Zeit, die der RTW benötigt, um bei ihm anzukommen, aber auch hierbei gilt: Wir sind alle nur Menschen.

Der RTW-Fahrer dagegen hätte sich defensiver verhalten sollen. Zum einen ist eine Geschwindigkeit von 120 km/h in einer 50er Zone deutlich zu schnell. Es ist zwar keine Maximalgeschwindigkeit festgelegt, aber der Grund für die allgemeine Geschwindigkeitsbegrenzung ist, dass dort ein Wildwechsel droht, also, dass plötzlich Wild über die Straße laufen kann. Auch mit den Fehlern anderer ist zu rechnen. Dazu zählt auch das plötzliche Abbiegen eines PKW. Auch das ausgeschaltetlassen des Einsatzhorns hat die Situation verschlimmert: Der PKW-Fahrer ist NICHT verpflichtet, einem Einsatzfahrzeug Platz zu machen, das nur mit Licht auf sich aufmerksam macht. (Getreu nach dem Motto: Das ist blaues Licht. Was macht es? Es leuchtet Blau.)

Leider hat sich, wie bereits eingangs erwähnt, der Trend entwickelt, dass immer wieder auf die Autofahrer geschimpft wird, die nicht rechtzeitig Platz gemacht hätten. In unserer digitalen Welt ist so ein Kommentar schnell und recht anonym geschrieben, aber ich möchte einmal darum bitten, bevor irgendjemandem die Schuld zugewiesen wird, zu bedenken, dass viele Autofahrer nicht täglich mit Einsatzfahrzeugen zu tun haben. Sicher ist es wichtig, dass bei Einsatzfahrten schnell Platz gemacht wird, aber wir als Fahrer dieser dürfen nicht vergessen, dass es nicht darum geht, auf Biegen und Brechen die letzte Sekunde aus der Fahrtzeit herauszuquetschen, sondern darum, unnötige Wartezeiten vor Ampeln und in Staus zu verkürzen. Die „anderen“ Fahrer machen sich erst in der Sekunde, in denen sie das Einsatzfahrzeug bemerken, die Gedanken, wie sie am besten Platz schaffen, während wir uns die Gedanken in jeder Sekunde machen (sollten), wie wir möglichst gefahrlos andere überholen. Uns hilft die Erfahrung, den „normalen“ Straßennutzern fehlt diese meistens.

Also ist der Appell: Fahrt vorsichtig, vorausschauend und nachsichtig. Damit fahrt ihr auf jeden Fall besser.

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